Ulmer Lyriksommer 2026 eröffnet

Büchnerpreisträgerin Ursula Krechel zu Gast in der Stadtbibliothek Ulm

Mit einer eindrucksvollen Lesung und einem vielschichtigen Autorinnengespräch wurde am 21. Mai 2026 der Literatursommer in Ulm eröffnet, der in der Donaustadt ein Lyriksommer ist. Zahlreiche Besucherinnen und Besucher waren in die Stadtbibliothek Ulm gekommen, um die Büchner-Preisträgerin Ursula Krechel zu erleben, deren Werk seit Jahrzehnten zu den prägenden Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zählt. Moderiert wurde die Eröffnungsveranstaltung von Christine Langer und Thomas Mahr.

Zum Auftakt begrüßte Christine Langer das Publikum mit der Rezitation zweier Gedichte aus Krechels Sammelband „Die da“. Aus diesem Band las Ursula Krechel im weiteren Verlauf des Abends – frühe Gedichte aus den 1970er Jahren standen neben aktuellen Texten und bislang unveröffentlichten Gedichten. So entstand ein weiter poetischer Bogen über mehrere Jahrzehnte literarischen Schreibens.

In ihrer Einführung stellte Christine Langer die Sprache als „Begegnungsraum, Denkraum und Möglichkeitsraum“ in den Mittelpunkt. Gerade in einer Zeit gesellschaftlicher Verunsicherung komme der Literatur eine besondere Bedeutung zu: Sie vermöge es, Unsagbares hörbar zu machen, neue Perspektiven zu eröffnen und Räume des Innehaltens zu schaffen. Die dichterische Sprache ermögliche die Freiheit, über das Gegenwärtige hinauszudenken. Dazu passe auch das Motto des Ulmer Lyriksommers – „Weitblick“. Langer würdigte Ursula Krechels literarisches Werk als ein Schreiben von großer sprachlicher Präzision und poetischer Kraft, das sich immer wieder Themen wie Erinnerung, Exil, Verlust und gesellschaftlicher Gerechtigkeit widme. Sie zitierte aus der Jurybegründung des Büchnerpreises, wonach Krechel „den Verheerungen der deutschen Vergangenheit und den Verhärtungen der Gegenwart die Kraft ihrer vielgestaltigen Literatur entgegen“ setze.

Im anschließenden Gespräch ging Ursula Krechel auf ihre poetische Arbeit ein. Ausgangspunkt war die Überlegung, wie Wörter ins Fließen kommen und sich zu einem eigenständigen Gebilde verbinden. Krechel beschrieb Schreiben als einen Prozess des genauen Hörens und Beobachtens, bei dem Sprache ein Eigenleben entwickle. Wörter würden sich „aneinander reiben“ und vielfältige Bedeutungen erzeugen. Eindringlich sprach die Autorin zudem über das poetische Prinzip des Weglassens. Das Gedicht, so Krechel, entstehe auch durch Leerstellen und Auslassungen. LeserInnen werden durch Interpretationsmöglichkeiten zum Mitgestalter eines Gedichts. Zur gesellschaftlichen Rolle von Literatur stellte Thomas Mahr die Frage, ob man sich „auf diese Zeit noch einen Reim machen“ könne. Der spielerische „Katz-und-Maus“-Frageblock zum Abschluss war ein heiterer Kontrast zu den tiefgehenden Themen des Abends.

Die Eröffnungsveranstaltung zeigte in besonderer Weise, wie Literatur die Wahrnehmung schärfen kann. Ein gelungener Auftakt des Literatur- und Lyriksommers in Ulm.

Veranstalter und Copyright Bilder: Dichter dran e.V.