Szenische Lesung: Wir stellen das Patriarchat vor Gericht

Szenische Lesung: Wir stellen das Patriarchat vor Gericht

Was kostet das Patriarchat? Nicht nur an menschlichem Leid, sondern auch in Euro?

Mit dieser Frage begann die szenische Lesung „Wir stellen das Patriarchat vor Gericht – mit unseren Geschichten“ am 29. Juli im Robert-Bosch-Saal der VHS Stuttgart. Vor der Großen Kammer des Bundesgerichts des gesellschaftlichen Anstands musste sich das Patriarchat als Beklagter einem fiktiven Zivilprozess stellen. Gegenstand des Verfahrens war eine Schadensersatzklage in Höhe von 1,5 Billionen Euro wegen systematischer Unterdrückung, Benachteiligung und Schädigung von Frauen. Klägerin war der eigens für diesen Abend gegründete „Verein zur Durchsetzung von Gleichstellung und Würde der Frauen“.

Die Idee zu diesem ungewöhnlichen Gerichtsprozess stammt von Christine Lehmann, Autorin und Vorsitzende des Vereins HERland, und Ines Witka, Autorin, Schreibdozentin an der VHS Stuttgart und Vorsitzende des Verbands deutscher Schriftsteller:innen (VS) Baden-Württemberg. Gemeinsam entwickelten sie das Konzept der Schreibwerkstatt und der anschließenden szenischen Gerichtsverhandlung. Die literarischen Zeuginnenaussagen entstanden zuvor in einer fünfteiligen Schreibwerkstatt an der VHS Stuttgart.

Das öffentliche Interesse war groß. Angemeldet waren mehr als fünfzig Frauen und Männer, tatsächlich kamen noch deutlich mehr Besucherinnen und Besucher.

Christine Lehmann übernahm die Rolle der Vorsitzenden Richterin, Ines Witka vertrat die Klägerinnenseite. Freundinnen der Teilnehmerinnen schlüpften in die Rollen der beisitzenden Richterinnen und der Justizwachtmeisterin. Das Patriarchat erschien – wie angekündigt – nicht persönlich zur Verhandlung. Es wurde lediglich durch einen Aktenkoffer, einen Hut und eine Krawatte symbolisiert, ebenso wie seine Rechtsanwältin nur durch Robe und Handtasche vertreten war.

Insgesamt wurden fünfzehn literarische Zeugenaussagen verlesen. Sie handelten von unbezahlter Care-Arbeit, Gewalt gegen Frauen, Benachteiligungen im Gesundheitswesen, den Folgen von Schwangerschaft und Geburt, Nachteilen im öffentlichen Raum, struktureller Benachteiligung im Literaturbetrieb und vielen weiteren Auswirkungen patriarchaler Strukturen.

Immer wieder machte die Klägerinvertreterin deutlich, dass nicht nur die persönlichen Folgen schwer wiegen, sondern auch die enormen gesellschaftlichen Kosten, die letztlich von allen steuerzahlenden Frauen mitgetragen werden.

„Diese Summe“, betonte sie, „betrifft nur den Schaden, den das Patriarchat innerhalb von zwei Jahren für die 42,2 Millionen Frauen in Deutschland verursacht hat – und sie umfasst lediglich die Bereiche, über die unsere Zeuginnen heute gesprochen haben.“

Nach den Zeuginnenaussagen zog sich das Gericht zur Beratung zurück. Währenddessen wurde auch das Publikum gefragt, ob es der Klage stattgeben würde. Das Votum fiel einstimmig aus: Das Patriarchat muss zahlen.

Den Abschluss bildeten Postkarten aus dem Jahr 2050 an die Frauen des Jahres 2026. Darin beschrieben die Teilnehmerinnen eine Zukunft, in der der zugesprochene Schadensersatz in Projekte für mehr Gleichstellung investiert worden war. Nach einem Abend voller erschütternder Erfahrungen endete die Veranstaltung damit nicht in Resignation, sondern mit Hoffnung und konkreten Visionen für eine gerechtere Gesellschaft – ganz im Sinne des Literatursommers.

Bilder: Luna Kloess