Gedichte zwischen Mythos, Erinnerung und Gegenwart – Workshop und Lesung mit Björn Hayer
Der Ulmer Literatursommer stand am 24. Juli 2026 ganz im Zeichen der Lyrik. Der Literaturwissenschaftler, Autor und Literaturkritiker Björn Hayer leitete am Nachmittag einen ausgebuchten Lyrikworkshop im Atelier des Einsteinhauses und stellte am Abend im Club Orange seinen aktuellen Gedichtband Das Haus vor.
Den Workshop eröffnete Hayer mit einem Blick auf die Ursprünge der Dichtung. Ausgehend von Ovids Metamorphosen sprach er über die enge Verbindung von Poesie und existenziellen Erfahrungen wie Liebe, Verlust, Trauer, Trost und Erinnerung. Anhand von Gedichten Rainer Maria Rilkes und Erich Frieds erläuterte er unterschiedliche poetische Verfahren und zeigte, wie persönliche Erfahrungen in der Lyrik zu universellen Fragen werden können.
Im Mittelpunkt standen anschließend die Texte der Teilnehmenden. Mit analytischer Präzision und großer Wertschätzung gab Björn Hayer konstruktives Feedback und ermutigte dazu, sprachliche Möglichkeiten auszuloten und die eigenen Gedichte weiterzuentwickeln. Wissenschaftliche Perspektiven und kreatives Schreiben verband er dabei auf inspirierende Weise. Sein Leitgedanke zog sich durch den gesamten Nachmittag: Dichtung entsteht dort, wo Sprache versucht, dem Unsagbaren Gestalt zu geben.
Am Abend präsentierte Björn Hayer seinen neuen Gedichtband Das Haus im Club Orange des Einsteinhauses. Moderatorin Christine Langer eröffnete die Lesung mit den Versen: „Die Wände halten die Bücher, oder ist es umgekehrt?“ und „Bücher sind verborgene Himmel.“ Im Gespräch berichtete Hayer, dass der Band aus der Auseinandersetzung mit dem Tod seiner Mutter entstanden ist. Das Haus erscheint darin als Schutz-, Erinnerungs- und Resonanzraum, in dem persönliche Erfahrungen und gesellschaftliche Krisen aufeinandertreffen. Die Verbindung von Gedichten und kurzen Prosatexten eröffnet dabei unterschiedliche Zugänge und lässt Nähe und Distanz, Emotion und Reflexion miteinander in Dialog treten.
Workshop und Lesung zeigten eindrucksvoll, wie Lyrik persönliche Erfahrungen mit universellen Fragen verbindet. In Björn Hayers Gedichtband Das Haus heißt es: „Im Sommer // sammle ich die Verse“. So blieb am Ende nicht nur die Erinnerung an einen inspirierenden literarischen Tag, sondern auch die Einladung, sich auf eigene Weise einen Reim auf die Welt zu machen.
Die Veranstaltungen wurden von Dichter dran e. V. in Kooperation mit der vh Ulm im Rahmen des Ulmer Literatursommers durchgeführt.
Alle Bilder: Dichter dran e.V.