Birgit Weyhe

Porträt von Hannah Jäger

Wo gehöre ich hin? Diese Frage begleitet die Jugendliteraturpreisträgerin seit ihrer Kindheit, die sie überwiegend in Ostafrika verbrachte. Heute erzählt sie von Menschen, deren Geschichten sonst oft ungehört bleiben. In ihren Graphic Novels verbindet Birgit Weyhe historische Recherchen mit ihrer ganz eigenen Bildsprache. Dabei geht es ihr immer auch um die Verantwortung, fremde Lebensgeschichten aufzuschreiben und zu zeichnen.

Die Lebens- und Schaffensentscheidungen von Birgit Weyhe lagen oft in Umzügen begründet. Häufig fühlte sie sich unfreiwillig fremd – wodurch Integration, Zugehörigkeit und Heimat im Laufe ihres Arbeitens zu ihrem zentralen Thema wurde.

Geschichten erzählen gegen die Einsamkeit

So wuchs Birgit Weyhe in den 1970er-Jahren vorrangig in Ostafrika auf. Immer wieder lebte sie mit ihrer Hippie-Mutter zu kurz an einem Ort, um einen Kindergarten oder die Schule zu besuchen. In ihrem ersten englischsprachigen Kindergarten in Uganda versteht Weyhe noch kein Wort Englisch. Oft ist sie deshalb auf sich allein gestellt. Um sich zu beschäftigen, denkt sie sich Geschichten aus oder zeichnet.

Dass sie später einmal Comic-Künstlerin werden würde, ahnt sie damals nicht. Zeichnen und Erzählen sind für sie zunächst zwei verschiedene Dinge. Dabei liebt sie Comics schon als Kind und sammelt alle Bände von „Asterix“, „Mickey Mouse“ und „Tim und Struppi“. In der Schule schreibt sie endlose Aufsätze, die sie heute als „Albtraum“ für ihre damaligen Lehrkräfte bezeichnet. Später als Teenagerin träumt sie davon, Malerei zu studieren und „ganz große Sachen“ zu machen.

Zurückkehren ohne anzukommen // Fremd im eigenen Land

Ein Umzug ist letztlich auch der Grund dafür, dass Weyhe nie Malerei studiert. 1988 kehrt sie in ihre Geburtsstadt München zurück. Sie ist 19 Jahre alt und fühlt sich fremd im eigenen Land. Am Tag der offenen Tür der Kunstakademie sieht sie dort Installationen und Videoarbeiten – und versteht nichts. „Ich hatte keine Ahnung von der deutschen oder europäischen Kunstszene“, erzählt sie. „Ich kannte die Kinofilme und die Musik nicht, nichts.“

Was ihr fehlt, ist aber nicht das Interesse an Kunst, sondern das Kontextwissen. Zugleich kann kaum jemand in Deutschland ihre Erfahrungswelt nachvollziehen. Sie findet keine gemeinsame Sprache für das, was sie geprägt hat, und wird mit Fragen konfrontiert, die sie oft als rassistisch erlebt. Eineinhalb Jahre lang versucht sie, sich zu orientieren: Sie liest die ZEIT, um die deutsche Kunstszene kennenzulernen, und hospitiert im Bühnenbild am Theater. Doch die kulturellen Codes bleiben ihr fremd.

Rückblickend wird diese Zeit zu einer prägenden Erfahrung für ihre spätere Arbeit. Denn Weyhe hat selbst erlebt, wie schwierig es sein kann, sich in einer fremden Gesellschaft zurechtzufinden. „Es wird immer nach Integration geschrien, aber wie schwer das ist, habe ich selbst erlebt“, sagt sie. „Und dabei hatte ich sogar den deutschen Pass, die passende Hautfarbe und konnte die Sprache.“

Die Frage, wo sie hingehört und was Heimat für sie bedeutet, begleitet die gebürtige Münchnerin bis heute. Die Comic-Zeichnerin lebt seit Jahrzehnten in Hamburg und schätzt die Stadt sehr. Als ihre Heimat bezeichnet sie sie dennoch nicht. Auch die Natur erinnert sie daran, wie unterschiedlich Lebenswelten sein können. Während viele Deutsche eine besondere Beziehung zum Wald haben, denkt sie an die tropischen Wälder ihrer Kindheit. „Für mich ist ein deutscher Wald eher eine öde Angelegenheit“, sagt sie lachend. „Ich habe eine emotionale Bindung an die Gerüche, Farben und Klänge von tropischen Wäldern.“

Vom Erzählen und Zeichnen zum Comic

Die Malerei gibt Weyhe schließlich auf. Sie studiert Literatur und Geschichte in Konstanz und Hamburg. Erst in einem Zusatzstudium der Illustration und in einem Seminar bei Anke Feuchtenberger an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg findet sie zum Comic und Graphic Novel. Aus dem Nebeneinander von Text und Bild entsteht eine künstlerische Form, in der sie ihre Interessen verbinden kann.

Seit 2008 veröffentlicht Weyhe regelmäßig Graphic Novels, von denen einige international ausgezeichnet wurden. Zu ihren bekanntesten Werken zählen „Im Himmel ist Jahrmarkt“ (2013), in dem sie sich auf Spurensuche in der eigenen Familiengeschichte begibt, “Madgermanes” (2016), welches die Erfahrungen der mosambikanischen Vertragsarbeiter in der DDR erzählt und „Rude Girl“ (2022), das Rassismus und Zugehörigkeit verhandelt.

Vom Rhythmus der Worte zum Bild

Wenn man sie heute fragt, wie sehr ihr Aufwachsen in verschiedensten ostafrikanischen Ländern ihren Stil geprägt hat, antwortet sie bedacht. Lange habe sie negiert, dass ihr Aufwachsen zwischen verschiedensten Kulturen einen Einfluss auf ihre Bildsprache gehabt hätte. Heute sieht sie das anders. So zeichnet sie viel emblematisch freigestellt. Genau das hätte sie als Kind viel gesehen und wahrscheinlich unbewusst auch mitgenommen. So wurde in vielen ostafrikanischen Ländern mithilfe von großen Zeichnungen an Ladenwänden kommuniziert, weil viele Menschen damals nicht lesen konnten.

Auch ihre Arbeitsweise unterscheidet sich von klassischen Comic-Verfahren. Ein Storyboard, das die Handlung Szene für Szene vorgibt, verwendet sie nicht. „Das würde mir die Arbeit wahrscheinlich deutlich erleichtern“, sagt sie lachend. Aber sie würde sich langweilen, wenn sie nach dem Scribbeln alles noch einmal zeichnen müsste. Stattdessen schreibt sie ihre Geschichten zunächst in rhythmisierten Worten auf – „wie ein episches Gedicht“, in dem die Bilder bereits mitgedacht werden. Anschließend legt sie die Seitenstruktur fest, damit etwa auf einer Doppelseite keine Brüche entstehen. Erst dann zeichnet sie. Auch während dieses Prozesses verändert sich die Geschichte immer wieder.

Wo Bilder an ihre Grenzen stoßen // Bilder für das Unsagbare finden

Weyhes Comics führen häufig in die Vergangenheit. Sie erzählen von Menschen, deren Erfahrungen im öffentlichen Gedächtnis kaum präsent sind, und fragen danach, wie Gesellschaften sich erinnern – und was sie lieber vergessen. Dafür recherchiert die Zeichnerin intensiv und steht vor und nach der Arbeit in engem Austausch mit Zeitzeug:innen und ihren Angehörigen. Änderungswünsche von diesen berücksichtigt sie gerne, damit sich die Betreffenden auch mit dem Buch wohlfühlen.

Besonders herausgefordert wird Weyhe in ihrer Arbeit von der Darstellung von Folter und sexualisierter Gewalt. Um dem gerecht zu werden, fing die visuelle Erzählerin früh an, mit Abstraktion zu arbeiten. Das ist im Comic-Genre besonders ungewöhnlich, da hier oft Blut spritzt und Gewalt sehr plastisch dargestellt wird. Da es ihr aber sehr wichtig ist, die Leser:innen nicht zu traumatisieren, Gewalt nicht voyeuristisch darzustellen – und gleichzeitig aber auch die Auswirkungen von Gewalt nicht herunterzuspielen, arbeitet sie viel mit Überlagerungen. Zunächst bearbeitet sie dafür das Papier wütend mit Pinsel oder Feder, um die Gewalt, die den Menschen angetan wurde, auf das Zeichengerät zu übersetzen. Daraufhin zerstört sie ihre eigenen Zeichnungen wieder, indem sie etwas wegkratzt oder zudeckt.

Gegen das Vergessen // Den Vergessenen eine Stimme geben

Wie Erinnerungskultur und politische Verantwortung in ihren Graphic Novels verhandelt wird, zeigt „Schweigen“ (2025) exemplarisch. Für dieses Werk erhielt Weyhe in diesem Jahr den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie Sachbuch. Ausgangspunkt war eine Anfrage des Historikers Pablo Tornes, der darauf aufmerksam machen wollte, dass Elisabeth Käsemann in Deutschland weitgehend vergessen ist. Käsemann engagierte sich politisch in Argentinien und wurde 1977 von der Militärjunta gefoltert und ermordet.

Bei ihren Recherchen über die Elisabeth-Käsemann-Stiftung in Stuttgart und im Austausch mit Käsemanns Familie stieß Weyhe auf eine weitere Lebensgeschichte: die von Ellen Marx. Als jüdisches Mädchen floh Marx 1939 vor den Nationalsozialisten nach Argentinien. Jahrzehnte später musste sie das Verschwinden ihrer Tochter Nora während der argentinischen Militärdiktatur erleben.

Weyhe verwob die Geschichten der Frauen und macht damit unterschiedliche Ebenen des Erinnerns sichtbar: die persönliche Erfahrung von Verlust und Trauma, das gesellschaftliche Gedenken und die politische Verantwortung für die Aufarbeitung historischer Verbrechen. Dabei interessiert sie besonders das Schweigen der Mitwissenden und staatlicher Institutionen. So intervenierte die deutsche Bundesregierung trotz der Verbrechen der argentinischen Diktatur kaum, nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Interessen. Demgegenüber stehen Menschen, die sich gegen das Vergessen wehren – etwa die Mütter der Plaza de Mayo, die über Jahre hinweg öffentlich mutig nach ihren verschwundenen Kindern suchten.

Argentinien fasziniert die Chronistin vergessener Lebensgeschichten auch wegen seiner widersprüchlichen Geschichte. Das Land wurde für viele jüdische Emigrant:innen zum Zufluchtsort und nahm nach dem Zweiten Weltkrieg zugleich nationalsozialistische Täter auf. Darüber hinaus interessiert sie, wie sich der gesellschaftliche Umgang mit der Vergangenheit verändert, wenn politische Mehrheiten wechseln. Erinnerung ist für sie kein abgeschlossener Vorgang, sondern ein fortwährender Aushandlungsprozess. Dies zeige Argentinien mit seinen verschiedenen erinnerungskulturellen Wellen besonders gut.

Dass rechtsextreme Akteure weltweit versuchen, Erinnerungskultur umzudeuten, und dass auch die Aufarbeitung des Kolonialismus umkämpft bleibt, macht sie traurig und ratlos. „Die Geschichte ist in uns eingeschrieben und ein Teil von uns“, sagt sie. „Je besser wir damit umgehen, desto besser können wir etwas verändern.“

Die Herausforderungen, Geschichten gemeinsam zu erzählen

Wie anspruchsvoll es ist, Erinnerungen sichtbar zu machen, zeigt auch Weyhes neuestes Graphic Novel „Gib nicht auf! Wie eine junge Ezidin den Völkermord überlebt“ aus 2026. Darin erzählt Jilan erstmals öffentlich ihre Geschichte. Sie wurde 2014 als junges Mädchen während des Genozids an den Ezid:innen im Nordirak vom Islamischen Staat verschleppt und versklavt.

Das Buch entstand im Rahmen eines internationalen Forschungsprojekts einer kanadischen Universität zu visuellen Erzählungen von Genozid-Überlebenden. Weyhe entwickelte den Comic gemeinsam mit Jilan und in Begleitung einer Genozidforscherin. Anders als bei einer klassischen biografischen Recherche ging es dabei nicht allein darum, Erlebtes zu rekonstruieren. Die Zusammenarbeit erforderte auch einen sensiblen Umgang mit den Grenzen der Erinnerung.

Denn wie zeichnet man Erfahrungen, an die sich eine Überlebende aufgrund des erlittenen Traumas nur bruchstückhaft erinnert? Wie findet man Bilder, die ihrer Erinnerung entsprechen, ohne sie durch wiederholtes Nachfragen zu retraumatisieren? Immer wieder musste Weyhe bereits gezeichnete Szenen verwerfen und neu beginnen. Schließlich entschied sie sich, auch ihre eigene Hilflosigkeit in der Graphic Novel sichtbar zu machen. Für Weyhe bedeutet das, der Perspektive der Überlebenden Raum zu geben und zugleich die eigene Verantwortung ernst zu nehmen.

Zwischen Atelier und Alltag

Die Beschäftigung mit solchen Themen fordert Weyhe auch persönlich. Während sie vor und nach einem Projekt den Austausch sucht, zieht sie sich während des Zeichnens zurück. Die räumliche Trennung ist ihr wichtig: Was sie im Atelier bearbeitet, soll sie möglichst nicht mit nach Hause nehmen. Deshalb geht sie nach der Arbeit oft noch eine Stunde spazieren, um den Kopf freizubekommen.

Dass sie morgens ins Atelier geht und ihre Arbeit wie einen 9-to-5-Job behandelt, hat auch biografische Gründe. Als ihre Töchter klein waren, musste sie ihre Arbeitszeiten an den Familienalltag anpassen. Sie arbeitete, während die Kinder in der Schule waren. Bis heute hilft ihr diese klare Struktur, auch schwierige Themen über längere Zeit zu bearbeiten.

Viel Erholungszeit zwischen den Comics bleibt dennoch nicht. Die aufwendigen Graphic Novels sind häufig auf externe Finanzierung angewiesen, die Weyhe selbst organisieren muss. Ihr nächstes Projekt ist bereits in Arbeit. Den Anstoß gab ihre Tochter, die an ME/CFS erkrankt ist und sich wünscht, dass mehr über die Erkrankung berichtet wird.

Auch hier will Weyhe eine abstraktere Bildsprache einsetzen und mit fiktionalisierten Interviews arbeiten. Ein zweiter Erzählstrang soll die Geschichte der Gender-Medizin von der Antike bis in die Gegenwart verfolgen. Zwei Kapitel hat sie bereits gezeichnet. Auf diesen nächsten Comic können sich Weyhe-Fans ab 2028 oder Anfang 2029 freuen.

Mut, der etwas verändert

Was der Autorin und Zeichnerin Hoffnung gibt, ist der Mut der Frauen, deren Geschichten sie erzählt hat. Menschen, die sich trotz Angst und Widerständen öffentlich zu Wort melden, können etwas verändern. Sie denken nicht nur über Unrecht nach, sondern handeln – oft über Jahre hinweg, ohne zu wissen, ob sich ihr Einsatz lohnen wird.

Als Beispiel nennt Weyhe die Mütter der Plaza de Mayo, die sich unbewaffnet und mit ihren weißen Kopftüchern sichtbar gegen das Verschwinden ihrer Kinder stellten. Auch Frauen wie Gisèle Pelicot und Jilan zeigen für sie, wie viel Mut es braucht, die eigene Geschichte öffentlich zu machen und Scham und gesellschaftliche Zuschreibungen umzukehren.

„Die Zukunft gehört den Mutigen, nicht den Lauten”, ergänzt Wehye. Es ist ein Gedanke, der ihre Arbeit verbindet: den Menschen zuzuhören, die sonst übergangen werden, ihre Geschichten ernst zu nehmen und ihnen Bilder zu geben, ohne ihnen die Deutungshoheit zu nehmen. Vielleicht ist das für Weyhe eine Form von Zuversicht: nicht darauf zu warten, dass sich die Welt von selbst verändert, sondern sichtbar zu machen, dass Menschen sie verändern können.

Birgit Weyhe lebt und arbeitet als Comic-Autorin und Zeichnerin in Hamburg. Mit ihren Graphic Novels erkundet sie die Verflechtungen von persönlicher Erfahrung, Geschichte und gesellschaftlichem Erinnern. Am 19. Juni las Weyhe im Rahmen des Literatursommers im Literaturhaus Freiburg aus “Schweigen”.


Portraitfotos: © Vera Drebusch