Leben zwischen zwei Ländern / Deutschland als zweites Zuhause
Zunächst studiert Laurain in Lille und Münster Politikwissenschaften und Kulturmanagement auf Deutsch und Französisch, Arabisch belegt sie im Nebenfach. Rückblickend bezeichnet sie ihr Studium als erstaunlich unpolitische Zeit. Sie sei sehr karriere-orientiert gewesen und habe viele Praktika absolviert. Heute findet sie das “ironisch” bei einem Politikwissenschaftsstudium. Dabei sieht die Französin vor allem das universitäre System ihres Heimatlandes kritisch: hauptsächlich Frontalunterricht, wenig Raum für Diskussionen und sehr elitär-konservative Strukturen. Das Studieren in Deutschland hat ihr dagegen deutlich besser gefallen, auch wenn es sie sehr herausforderte. So lernte sie beispielsweise Arabisch auf Deutsch.
Bis heute ist Deutschland für Laurain ein zweites Zuhause, auch wenn sie inzwischen wieder in Ostfrankreich lebt. So ist Deutschland auch das Geburtsland ihrer ersten Tochter. 2013 zieht sie zunächst nach Berlin-Neukölln und arbeitet zunächst im Forschungsinstitut Leibniz-Zentrum Moderner Orient in Berlin.
Sie empfindet ihre Zeit in Berlin als politisch intensiv. So erlebt sie durch die fortschreitende Gentrifizierung sowohl die Spannungen zwischen Berlinern und Zugezogenen wie sie selbst, die auch mit Graffitis auf Hauswänden verhandelt werden. Gleichzeitig erlebt sie in Deutschland die Krise des europäischen Asylsystems 2015 mit und gibt ehrenamtlich in einer Geflüchtetenunterkunft Deutsch-Kurse.
Später arbeitet Laurain als Übersetzerin sowie im französischen Support für eine deutsche Firma. Damit finanziert sie auch ihre ersten Schreibversuche nebenbei. Denn in Berlin lernt sie eine junge Frau kennen, die bereits mit 25 Jahren ein Buch veröffentlicht hat. Das inspiriert sie. „Ich wollte immer einen Roman veröffentlichen, dachte aber immer, dass ich das nicht darf”, erzählt Laurain. Nachdem der BD-Versuch mit ihrer Familiengeschichte nicht gelingt, schreibt sie einen anderen Comic aus der Perspektive von Geflüchteten beim Ankommen in Deutschland. Dabei merkt sie, dass es ihr mit dem Schreiben ernst ist. Sie bewirbt sich für den Master “Kreatives Schreiben” in Paris – und wird genommen.
Politische Wut wird zu Literatur
Zurück in Frankreichs Hauptstadt, hat sich die ehemalige Berlinerin dann „erst so richtig politisiert”, wie sie es nennt. Sie studiert an der Université Paris 8, einer traditionell linken Universität, die auch während der Studierendenproteste im Mai 1968 eine wichtige Rolle spielte.
Hier beginnt sie aus politischer Wut ihren ersten Roman “Partout le feu” (Bis alles brennt) zu schreiben – und diese Wut literarisch zu übersetzen. Die Protagonistin Laetitia wird 37 Minuten vor der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl geboren. Sie engagiert sich in Lothringen mit befreundeten Aktivist:innen gegen die geplante Lagerung radioaktiven Mülls. Auch wenn es einige Parallelen zwischen ihr und ihrer Figur gebe, sei der Roman nicht autobiografisch, betont Laurain. Dennoch teilt sie mit ihrer Protagonistin eine aktivistische Anti-Atomkraft-Vergangenheit und Erfahrungen mit Polizeigewalt. „Atomkraft ist in Frankreich sehr stark mit der Macht des Staates verbunden, die man nicht kritisieren darf”, erklärt Laurain. Laurain selbst hat inzwischen Abstand zur aktivistischen Szene genommen. Ihre Erfahrungen und Beobachtungen verarbeitet sie stattdessen literarisch, fiktionalisiert Orte und schafft Figuren, die über ihre eigene Geschichte hinausweisen.
Nur unbequeme Bücher hinterlassen Spuren
Ein großes Vorbild ist für Laurain Toni Morrison. Besonders bewundert sie deren Mut, über radikale Themen zu schreiben und dabei auch mit literarischen Formen zu experimentieren. „Für mich fordert gute Literatur viel Mut”, bekräftigt Laurain, „nur ungemütliche Bücher hinterlassen Spuren und ändern etwas in den Leser:innen”. Ähnlich wie Toni Morrison wählt Laurain für ihren Debütroman deshalb einen experimentellen Stil: temporeich, ohne Interpunktion und aus der Ich-Perspektive. „Tatsächlich entstand das aus einem Zufall”, lächelt Laurain, die selbst viel Lyrik liest. Sie begann den Text mit einem SMS-Austausch zwischen zwei Protagonist:innen und der Stil gefiel ihr so gut, dass sie ihn beibehielt.
Die Form passt für sie zu Laetitia und zu dem Gefühl einer permanenten Notlage angesichts der Klimakrise. Die Figur sei direkt und undiplomatisch; Eigenschaften, die Laurain sich manchmal selbst von ihr abschauen möchte. Zugleich wollte sie, dass der Text körperlich erfahrbar ist. „Ich wollte, dass man die Geschichte in einem Atemzug lesen kann und einem das Herz am Ende schneller schlägt“, sagt sie. Bei einem radikalen Thema brauche es auch einen radikalen Schreibstil. Als weiteres Vorbild nennt Laurain Ann Carson und Maggie Nelson. Auch dort fasziniert sie der intime und sensible Blick auf eine einzelne Figur und die Experimentierfreudigkeit mit der Form.
Der Schreibprozess ihres ersten Romans sei dennoch “komisch” gewesen. da niemand auf den ersten eigenen Roman wartet. „Es ist quasi unmöglich zu veröffentlichen”, so Laurain, „die Chance, dass es nicht klappt, lag bei 95 Prozent”. Am Ende gewinnen die fünf Prozent und ihr Debüt “Partout le feu” wird 2022 veröffentlicht, auf Deutsch übersetzt in “Bis alles brennt” und ist unter anderem für den Prix PREMIERE nominiert. Aber nicht alle sind begeistert von dem experimentellen Stil. Viele französischen Leser:innen reagieren sogar sehr genervt auf ihren gewagten Stil, was Laurain wiederum freut. „Frankreich ist viel konservativer als Deutschland, was einen spielerischen Umgang mit den Regeln der Grammatik angeht und mit dieser zu spielen”, lacht die Grenzgängerin.