Hélène Laurain

Porträt von Hannah Jäger

Zwischen Deutschland und Frankreich, Familiengeschichte und Gegenwart, politischer Wut und literarischem Experiment: Hélène Laurain schreibt über das, was unbequem ist. Die französische Schriftstellerin verarbeitet in ihren Romanen Aktivismus, Mutterschaft und gesellschaftliche Erwartungen – und sucht gerade dort nach Utopien, wo die Gegenwart dystopisch erscheint.

Hélène Laurains Leben findet schon immer zwischen Deutschland und Frankreich statt. Die gebürtige Metzerin wächst in Lothringen auf, einer Region, deren Geschichte deutsch-französisch geprägt ist. Während sie einerseits bereits im Kindergarten deutsche Lieder lernt, sind viele ältere Leute schockiert, dass sie die “Feindessprache” lernt. Laurain wächst in diesen beiden Gegensätzen auf und interessiert sich früh für die deutsche Sprache. „Und das schon bevor Berlin cool wurde und Deutschland sein Image ändern konnte”, schmunzelt die 38-jährige.

Eine Familiengeschichte zwischen Widerstand und Kollaboration

Auch ihre Familiengeschichte erzählt von den politischen Brüchen zwischen den Ländern - und liest sich dabei fast wie ein Roman. Während ihres Studiums findet sie die Memoiren ihres Großvaters väterlicherseits, der in der sozialistischen Partei Staatssekretär für Kriegsveteranen in Frankreich war. Als Sohn eines Bauern kämpfte er im Zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen, floh nach Nordafrika und engagierte sich im Widerstand, als die Nationalsozialisten ab 1940 Lothringen besetzten. Aber auch ein anderes Familienmitglied wurde Minister – allerdings in der Vichy-Regierung, die mit den Nationalsozialisten kollaborierte. Diese widersprüchliche Familiengeschichte verarbeitet Laurain später in ihrem ersten Schreibversuch, einem Bande Dessinée (BD), dem in Frankreich weit verbreiteten Comic-Format. Veröffentlicht wird er nicht. Doch das Schreiben lässt sie nicht mehr los.

Leben zwischen zwei Ländern / Deutschland als zweites Zuhause

Zunächst studiert Laurain in Lille und Münster Politikwissenschaften und Kulturmanagement auf Deutsch und Französisch, Arabisch belegt sie im Nebenfach. Rückblickend bezeichnet sie ihr Studium als erstaunlich unpolitische Zeit. Sie sei sehr karriere-orientiert gewesen und habe viele Praktika absolviert. Heute findet sie das “ironisch” bei einem Politikwissenschaftsstudium. Dabei sieht die Französin vor allem das universitäre System ihres Heimatlandes kritisch: hauptsächlich Frontalunterricht, wenig Raum für Diskussionen und sehr elitär-konservative Strukturen. Das Studieren in Deutschland hat ihr dagegen deutlich besser gefallen, auch wenn es sie sehr herausforderte. So lernte sie beispielsweise Arabisch auf Deutsch.

Bis heute ist Deutschland für Laurain ein zweites Zuhause, auch wenn sie inzwischen wieder in Ostfrankreich lebt. So ist Deutschland auch das Geburtsland ihrer ersten Tochter. 2013 zieht sie zunächst nach Berlin-Neukölln und arbeitet zunächst im Forschungsinstitut Leibniz-Zentrum Moderner Orient in Berlin.

Sie empfindet ihre Zeit in Berlin als politisch intensiv. So erlebt sie durch die fortschreitende Gentrifizierung sowohl die Spannungen zwischen Berlinern und Zugezogenen wie sie selbst, die auch mit Graffitis auf Hauswänden verhandelt werden. Gleichzeitig erlebt sie in Deutschland die Krise des europäischen Asylsystems 2015 mit und gibt ehrenamtlich in einer Geflüchtetenunterkunft Deutsch-Kurse. 

Später arbeitet Laurain als Übersetzerin sowie im französischen Support für eine deutsche Firma. Damit finanziert sie auch ihre ersten Schreibversuche nebenbei. Denn in Berlin lernt sie eine junge Frau kennen, die bereits mit 25 Jahren ein Buch veröffentlicht hat. Das inspiriert sie. „Ich wollte immer einen Roman veröffentlichen, dachte aber immer, dass ich das nicht darf”, erzählt Laurain. Nachdem der BD-Versuch mit ihrer Familiengeschichte nicht gelingt, schreibt sie einen anderen Comic aus der Perspektive von Geflüchteten beim Ankommen in Deutschland. Dabei merkt sie, dass es ihr mit dem Schreiben ernst ist. Sie bewirbt sich für den Master “Kreatives Schreiben” in Paris – und wird genommen.

Politische Wut wird zu Literatur

Zurück in Frankreichs Hauptstadt, hat sich die ehemalige Berlinerin dann „erst so richtig politisiert”, wie sie es nennt. Sie studiert an der Université Paris 8, einer traditionell linken Universität, die auch während der Studierendenproteste im Mai 1968 eine wichtige Rolle spielte.

Hier beginnt sie aus politischer Wut ihren ersten Roman “Partout le feu” (Bis alles brennt) zu schreiben – und diese Wut literarisch zu übersetzen. Die Protagonistin Laetitia wird 37 Minuten vor der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl geboren. Sie engagiert sich in Lothringen mit befreundeten Aktivist:innen gegen die geplante Lagerung radioaktiven Mülls. Auch wenn es einige Parallelen zwischen ihr und ihrer Figur gebe, sei der Roman nicht autobiografisch, betont Laurain. Dennoch teilt sie mit ihrer Protagonistin eine aktivistische Anti-Atomkraft-Vergangenheit und Erfahrungen mit Polizeigewalt. „Atomkraft ist in Frankreich sehr stark mit der Macht des Staates verbunden, die man nicht kritisieren darf”, erklärt Laurain. Laurain selbst hat inzwischen Abstand zur aktivistischen Szene genommen. Ihre Erfahrungen und Beobachtungen verarbeitet sie stattdessen literarisch, fiktionalisiert Orte und schafft Figuren, die über ihre eigene Geschichte hinausweisen.

Nur unbequeme Bücher hinterlassen Spuren

Ein großes Vorbild ist für Laurain Toni Morrison. Besonders bewundert sie deren Mut, über radikale Themen zu schreiben und dabei auch mit literarischen Formen zu experimentieren. „Für mich fordert gute Literatur viel Mut”, bekräftigt Laurain, „nur ungemütliche Bücher hinterlassen Spuren und ändern etwas in den Leser:innen”. Ähnlich wie Toni Morrison wählt Laurain für ihren Debütroman deshalb einen experimentellen Stil: temporeich, ohne Interpunktion und aus der Ich-Perspektive. „Tatsächlich entstand das aus einem Zufall”, lächelt Laurain, die selbst viel Lyrik liest. Sie begann den Text mit einem SMS-Austausch zwischen zwei Protagonist:innen und der Stil gefiel ihr so gut, dass sie ihn beibehielt.

Die Form passt für sie zu Laetitia und zu dem Gefühl einer permanenten Notlage angesichts der Klimakrise. Die Figur sei direkt und undiplomatisch; Eigenschaften, die Laurain sich manchmal selbst von ihr abschauen möchte. Zugleich wollte sie, dass der Text körperlich erfahrbar ist. „Ich wollte, dass man die Geschichte in einem Atemzug lesen kann und einem das Herz am Ende schneller schlägt“, sagt sie. Bei einem radikalen Thema brauche es auch einen radikalen Schreibstil. Als weiteres Vorbild nennt Laurain Ann Carson und Maggie Nelson. Auch dort fasziniert sie der intime und sensible Blick auf eine einzelne Figur und die Experimentierfreudigkeit mit der Form.

Der Schreibprozess ihres ersten Romans sei dennoch “komisch” gewesen. da niemand auf den ersten eigenen Roman wartet. „Es ist quasi unmöglich zu veröffentlichen”, so Laurain, „die Chance, dass es nicht klappt, lag bei 95 Prozent”. Am Ende gewinnen die fünf Prozent und ihr Debüt “Partout le feu” wird 2022 veröffentlicht, auf Deutsch übersetzt in “Bis alles brennt” und ist unter anderem für den Prix PREMIERE nominiert. Aber nicht alle sind begeistert von dem experimentellen Stil. Viele französischen Leser:innen reagieren sogar sehr genervt auf ihren gewagten Stil, was Laurain wiederum freut. „Frankreich ist viel konservativer als Deutschland, was einen spielerischen Umgang mit den Regeln der Grammatik angeht und mit dieser zu spielen”, lacht die Grenzgängerin.

Weibliche Erfahrungen gegen eingefahrene Rollenbilder erzählen

Radikal ist für Laurain auch eine andere Entscheidung: Ihrer Protagonistin Laetitia gibt sie bewusst kein konkretes Aussehen. Weder Haarfarbe noch Figur oder Kleidungsstil werden beschrieben. Zudem begehrt Laetitia die männlichen Figuren – nicht umgekehrt. Dabei sollte dies gar nicht mehr als radikal gelten und ist es dennoch: „Ich bin als Leserin leider nicht mit solchen Geschichten großgeworden”, erzählt Laurain. Als feministische Autorin wolle sie dazu beitragen, „ein klein wenig das Gleichgewicht mehr herzustellen”.

Diese Frage nach gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen, insbesondere an Mütter, beschäftigt sie auch in ihrem zweiten Roman “Tambora”, der 2025 in Frankreich erscheint und bislang nicht auf Deutsch veröffentlicht wurde.

Ein deutsch-französischer Blick auf das Tabuthema Mutterschaft

“Tambora” widmet sich Mutterschaft und Fehlgeburten; Themen, über die Laurain gesellschaftlich immer noch zu wenig Ehrlichkeit wahrnimmt. Besonders stört sie die Vorstellung, Mutterschaft müsse vor allem als glückliche und erfüllende Erfahrung erzählt werden. „Das schadet dem Leben von Müttern“, sagt die Autorin. Denn es sei viel komplexer und vielschichtiger als das.

Auch dieser Roman entsteht aus politischer Wut. Laurain schreibt ihn, während ihr zweites Kind noch klein ist, inmitten der Lockdowns während der Corona-Pandemie und der Klimakrise. Erneut fließt ihre deutsch-französische Perspektive in das Buch ein. In Deutschland werde Mutterschaft noch immer stark mit Aufopferung und Schuld verbunden, nicht zuletzt mit dem Bild der “Rabenmutter“. Frankreich wiederum verfüge zwar über funktionierende Betreuungsstrukturen, doch auch dort seien die Erwartungen enorm: Kurz nach der Geburt müsse man wieder arbeiten, gut aussehen und zugleich eine perfekte Mutter sein. Was beide Gesellschaften vereine: Keine Mutter darf offen sagen, dass sie leidet.

Auch auf dieses Buch reagiert die französische Leser:innenschaft sehr gespalten. Während “Tambora” unter anderem in der ersten Auswahl für den Prix Goncourt nominiert war, gestaltet sich die Lesetour zu dem Buch als sehr herausfordernd. „Manche Menschen haben mir ins Gesicht gesagt, dass ich eine schlechte Mutter bin”, berichtet Laurain.

Die Utopie in der dystopischen Welt finden

Aktuell arbeitet Laurain an einer neuen, noch geheimen, Buchidee. Seit Sommer letzten Jahres widmet sie sich ganz ihrer Arbeit als Schriftstellerin. Darüber hinaus leitet sie zahlreiche Schreibworkshops, unter anderem für Gefängnisinsassen. Für den Literatursommer wird sie im September gemeinsam mit Jugendlichen Texte zu Utopien im Kleinen erarbeiten. Dabei ist die Zukunft für Laurain weder eindeutig utopisch noch eindeutig hoffnungslos. Utopien, davon ist sie überzeugt, entstehen nicht erst nach der Katastrophe, sie können mitten in ihr entstehen.

Dabei empfindet die Schriftstellerin unsere Gegenwart oft als dystopisch. Doch gerade deshalb möchte sie sich nicht allein von unserer Faszination für Dystopien und deren Drama bestimmen lassen. Stattdessen interessiert sie die schwierigere Frage: Wie lässt sich trotz allem eine andere Zukunft denken?

Vielleicht beginnt diese herausfordernde Suche genau dort, wo Laurains Leben und Schreiben schon immer angesiedelt sind: zwischen Ländern und Perspektiven, zwischen Wut und Vorstellungskraft. Und vielleicht sind es gerade junge Menschen, mit denen sich die Utopien, die heute noch fehlen, am ehesten erfinden lassen.

Hélène Laurain lebt und arbeitet als freie Autorin im Osten Frankreichs. Am 16. Und 17. sowie dem 24. und 25. September gibt sie im Rahmen des Literatursommers Baden-Württemberg für Kinder und Jugendliche experimentelle Schreib-Workshops. Dabei schreiben die Jugendlichen über (U)topien im Kleinen.