Judith Hermann ist eine Autorin, die die deutsche Literaturszene wie kaum eine andere prägt. Die 1970 in Berlin geborene Schriftstellerin war 28 Jahre alt, als sie mit „Sommerhaus, später“ debütierte. Seitdem schreibt sie sehr bedacht und fiktionalisiert über biografische Anknüpfungspunkte – von der Nachwendezeit über Abschied und das Älterwerden bis hin zu ihrer Familiengeschichte und der Frage, was erinnert, verschwiegen oder vergessen wird.
Dabei wurde sie nicht immer autobiografisch gelesen. So gilt “Sommerhaus, später” als Porträt einer ganzen Generation, “als die Stimme des jungen, wiedervereinigten Berlins”. So wurde die Kurzgeschichtensammlung von Judith Hermann von Kritiker:innen in den 90er-Jahren aufgenommen. Die gebürtige West-Berlinerin war beim Schreiben ihres Debüts, in dem sie das Nachwende-Berlin skizziert, erst 27 Jahre alt.
In “Sommerhaus später” untermalten Songs das beschriebene Berlin, in dem alles möglich scheint, aber auch etwas verloren geht. Die Resonanz auf die junge Autorin und ihr Debüt ist außergewöhnlich. Innerhalb kürzester Zeit wurde es zum mehrfach prämierten Bestseller, zur Schullektüre - und gilt auch heute noch als eines der prägendsten Debüts der neueren Literaturgeschichte.
Über Nacht Popstar der Literaturszene werden
Wenn man Judith Hermann dazu heute fragt, erzählt sie, dass sie sich niemals als die Stimme ihrer Generation empfunden hat und das auch nie sein wollte. “Ich wollte und will über etwas ganz Individuelles schreiben”, so Hermann. Dass dieses Individuelle, an sich “Unteilbare”, dann doch teilbar ist und mit Leser:innen resoniert, sei für sie immer noch erstaunlich.
So wird Judith Hermann quasi über Nacht zur gefeierten Schriftstellerin, deren zweites Buch sehnlichst erwartet wird. Vor ihrer literarischen Karriere arbeitete Hermann in verschiedensten Berufen: So arbeitete sie als Kellnerin, Tourmanagerin und Messehostess. Zudem probierte sie ein Germanistik- und Philosophie-Studium aus. Schließlich besuchte sie die Berliner Journalistenschule und absolvierte anschließend ein Volontariat bei der deutschsprachigen Zeitung „Aufbau“ in New York. Kurz nach ihrer Rückkehr nach Deutschland, erhielt sie mehrere Literatur-Stipendien, die sie beim Aufbau ihrer schriftstellerischen Arbeit unterstützten.
Der lähmende Druck nach dem großen Debüt
Nach dem außergewöhnlichen Erfolg von „Sommerhaus, später“ beschreibt die Schriftstellerin den Erwartungsdruck als enorm. Sie wollte weder ihr Debüt kopieren noch auf die Rolle der „Berlin-Literatin“ festgelegt werden. Für „Nichts als Gespenster“ von 2003 reiste sie deshalb durch die Welt und verlegte die Schauplätze ihrer Geschichten unter anderem nach Norwegen, Island und in die USA.
Der neue Erzählband wird von der Kritik deutlich gespaltener aufgenommen als das Debüt. Hermann selbst beschreibt später, wie verletzend die teilweise harschen Kritiken für sie waren. Der große Erfolg des ersten Buches hatte die Erwartungen an das zweite erhöht – und damit auch den Druck auf die Autorin. In einem späteren Interview sagt sie rückblickend, der Erfolg habe sie „ängstlich“, „erschöpft“ und „unsicher“ gemacht.
Beim Publikum etabliert sie sich dennoch als eine der bekanntesten Gegenwartsautorinnen. 2007 werden mehrere Erzählungen aus „Nichts als Gespenster“ von Martin Gypkens für den gleichnamigen Kinofilm adaptiert.