Tobias Elsäßer

Porträt von Hannah Jäger

Tobias Elsäßer lässt sich nicht leicht verorten. Zu gerne probiert der kreative Freiberufler Neues aus: von einer Software über Chart-Hits bis hin zu inzwischen 16 Kinder- und Jugendromanen.

Dass Tobias Elsäßer eines Tages nicht in einem Büro sitzen, sondern als freier Autor, Gesangslehrer und Singer-Songwriter arbeiten würde, hätte er früher selbst nie gedacht. Er wuchs in einem Haushalt ohne Bücher und mit einem gewalttätigen Vater auf. Elsäßer bezeichnet sich selbst als Klassenkasper, der nach innen aber sehr nachdenklich war. Die ersten Romane, die er sich als Teenager selbst aussuchte, stammten von Hermann Hesse, Franz Kafka und J.D. Salinger. Nebenbei schrieb er seine ersten Songtexte und spielte viel Gitarre sowie Handball. Das Abitur machte er aus einer Sozialwohnung heraus, studieren kam für ihn danach als Arbeiterkind weder finanziell noch mental nie in Frage.

Fürs Geschichten erzählen braucht es keinen Leistungsnachweis

Deutschland schien und scheint ihm immer noch wie ein Land der Scheine. Noch immer entscheide der Familienhintergrund viel zu stark darüber, ob ein Kind seinen Talenten nachgehen könne oder nicht. Das erlebt er auch in seinen Workshops an Brennpunktschulen. Die Schülerinnen und Schüler dort wüssten alle, dass die Gesellschaft sie abgeschrieben habe. Umso wichtiger ist es ihm zu vermitteln, dass wir alle Geschichten lesen und selbst erzählen können. „Fürs Geschichtenlesen und Geschichtenerzählen braucht es keine Ausbildung und keine Zertifikate. Man kann in jedem Alter noch dazu finden“, findet Elsäßer.

Er selbst brauchte viele Jahre, um den Mut zu fassen, seine Kreativität trotz aller Existenzängste zum Beruf zu machen. Zunächst absolvierte der selbst ernannte Tagträumer eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann und schwor sich danach, nie wieder in einem Büro voller Ablagesysteme zu arbeiten.

Ein Leben ohne fixen Masterplan

Sein gesamtes Leben verfolgt der Deutsch-Franzose das Trial-and-Error-Prinzip und bezeichnet sich selbst als Gemischtwarenladen aus Musik, Büchern und Träumen. Das Scheitern gehört für ihn zum Leben dazu. Er hört auf sein Bauchgefühl, fuchst sich in neue Dinge, die er lernen kann, hinein – und lässt sie dann auch wieder los, wenn es nicht mehr sein soll.

So auch mit der kurzfristig steilen Karriere in einer Boygroup, die sogar Chart-Hits landete und einen Plattenvertrag bei Sony hatte. Aus dieser Zeit entstand später sein erster 2004 veröffentlichter, autobiografischer Roman „Die Boygroup“, den er heute lachend als „schlecht geschrieben“ bezeichnet. Zudem absolvierte er ein journalistisches Volontariat, arbeitete eine Weile als Fernsehjournalist und war zwischenzeitlich für zwei Jahre Gründer und Geschäftsführer einer Softwarefirma Anfang der 2000er-Jahre.

Dort konnte er seine Leidenschaft für Musik mit Technik verbinden und seine Vision einbringen, Musik zugänglicher zu machen. So entwickelte er in einem Team eine Gesangssoftware, die niedrigschwellig den teuren Gesangsunterricht ersetzen sollte. Diese wurde während der ersten Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) 2002 und 2003 beworben – und floppte trotzdem. Aber Elsäßer wäre nicht Elsäßer, wenn er sich davon entmutigen lassen würde.

Dystopische Romane mit digitalem Schwerpunkt

Rückblickend sieht Elsäßer in diesen frühen Berührungspunkten mit der Tech-Industrie den Ursprung seines späteren literarischen Schwerpunktes auf Digitalität, Technik und Künstlicher Intelligenz. So erkannte er schon früh, dass wir mit der digitalen Welt, eine zweite Welt erschaffen, die unsere analoge Welt und Gesellschaft tiefgehend beeinflusst.

So sagt im Roman „Play“ eine App dem Protagonisten Jonas seine Zukunft voraus. Nur dass sich der 18-Jährige weigert, das Ergebnis zu akzeptieren. Der Autor selbst würde nicht auf „Play“ drücken. Gleichzeitig glaubt er, dass wir genau das längst täglich tun, indem wir unsere Daten massenweise den großen Tech-Konzernen überlassen. Deshalb spricht er sich für eine strengere Regulierung dieser, aus seiner Sicht empathielosen Unternehmen, aus.

Kreativität statt nach Marketingvorgaben schreiben

Ihn selbst beschäftigt als Autor auch beruflich der Einfluss von KI auf Literatur. „Lieber mache ich wieder Straßenmusik, als Bücher nach Marketingvorgaben zu schreiben“, bekräftigt er. Er beobachtet, dass die Verlagswelt zunehmend von datengetriebenen Marktanalysen bestimmt werde; eine Entwicklung, die er bereits Anfang der 2000er-Jahre in der Musik- und Softwarebranche gesehen hatte. „Ich könnte nicht reich werden, weil ich mich so unwohl in Umfeldern fühle, die primär an Geld interessiert sind“, schmunzelt Elsäßer. Lieber scheitert er, als sich zu verstellen oder marktkonform zu schreiben.

Die meisten seiner Zukunftsromane sind dystopisch, aber immer temporeich und nachdenklich. Bereits als Neunjähriger faszinierte ihn in der Staatsgalerie vor allem ein abstraktes Gemälde von Anselm Kiefer. Anschließend schrieb er im Unterricht einen Text über den Weltuntergang, worauf die Lehrerin die Eltern einbestellte. Dabei sieht der 53-Jährige gerade in dystopischen Geschichten großes Potenzial für Zuversicht und Mut. Denn letztlich gehe es in der Literatur darum, sich verstanden und nicht allein zu fühlen.  Der richtige Text könne auch Tage später noch neue positive Impulse anstoßen.

Schreiben, um das eigene Leben zu verändern

Genau das treibt Elsäßer an: Er schreibt, um Empathie zu schaffen. Dabei glaubt er fest an die Kraft des Wortes und dass man mithilfe des Schreibens, immer das eigene Leben neugestalten und verändern kann – unabhängig vom Alter. Seine Arbeit mit Jugendlichen habe ihm nochmals gezeigt, dass alle Generationen letztlich dieselben Bedürfnisse haben: gesehen zu werden, dazuzugehören und ernstgenommen zu werden.

Auch deshalb schenkt er den Schülerinnen und Schülern in den Workshops zu Beginn des Schuljahres immer ein leeres Heft. Dieses sei immer am Schuljahresende voll gesammelter Fragmente. Denn die Geschichten schreiben am Ende die Menschen – nicht die KI. Dass jedes Buch dabei „ein Marathonlauf“ sei, nehme er in Kauf. So arbeitet der Anekdotensammler selbst derweil bereits seit ein paar Jahren an seinem ersten Roman für Erwachsene.

Tobias Elsäßer lebt und arbeitet als freier Autor, Gesangslehrer und Singer-Songwriter in Stuttgart. Am 18., 19. und 27. Mai hat er im Rahmen des Literatursommers Baden-Württemberg für Kinder und Jugendliche Urban-Writing-Workshops gegeben. Dabei wurde dem Sound urbaner Räume gelauscht und eine Stuttgarter Stadtkarte der Zukunft entwickelt