Rainer Maria Rilke zwischen Krieg, Liebe und Hoffnung

Rilke-Performance mit dem Schauspiel Stuttgart

Mit der musikalischen Lyrikperformance „Hiersein ist herrlich“ am 14. Juni 2026 im Kunstverein Ulm setzte der Ulmer Lyriksommer ein eindrucksvolles Zeichen zum 100. Todestag von Rainer Maria Rilke. Das von Björn Hayer konzipierte und von Gwendolyne Melchinger inszenierte Theaterprojekt eröffnete einen gegenwärtigen Resonanzraum für die zeitlose Kraft und Aktualität von Rilkes Dichtung.

Im Zentrum des sehr gut besuchten Abends stand Rilkes Spätwerk, insbesondere die von ihm aufgegriffenen Motive des Orpheus-Mythos. Doch die Inszenierung ging weit über eine literarische Würdigung des Dichters hinaus. Sie verband die antike Erzählung von Verlust, Sehnsucht und Erinnerung mit den Erfahrungen einer von Krisen und Kriegen geprägten Gegenwart. Die Figur des von der Front schreibenden Liebenden traf auf die Perspektive der Wartenden in der Heimat – verbunden durch die Hoffnung, die in Sprache fortlebt.

Die collageartige Montage aus Gedichten, Briefen und Fragmenten der Duineser Elegien entwickelte eine Dringlichkeit. Zeilen wie „Du musst dein Leben ändern“ oder „Hiersein ist herrlich“ entfalteten vor dem Hintergrund der gegenwärtigen globalen Unsicherheiten und Kriege eine existenzielle Wucht.

Ein Ensemble des Schauspiel Stuttgart mit Katharina Hauter, Silvia Schwinger und Felix Strobel verliehen den Texten eine berührende Präsenz. Mit sprachlicher Präzision, Ausdruckskraft und emotionaler Intensität verlebendigten sie die Extreme von Rilkes Werk zwischen tiefer Melancholie, existenzieller Verzweiflung und euphorischer Lebensbejahung. Dem Ensemble gelang es, den Dichter vom Klischee des entrückten, schwärmerischen Lyrikers zu befreien und seine Verse als unmittelbare Antworten auf die Fragen unserer Zeit erfahrbar zu machen.

Die fein nuancierten musikalischen Einlagen von Jojo Büld am Flügel verbanden die atmosphärisch dichten Szenen. Improvisationen zu Erik Satie wechselten mit Melodien von Leonard Cohen. Durch das Zusammenspiel aus Rezitation, Gesang und Klavierspiel durchdrangen sich Dichtung und Musik – ihre Verbundenheit wurde an diesem Abend wieder deutlich. Viel Applaus und eine Zugabe.

Die Veranstaltung wurde von Dichter dran e.V. in Kooperation mit dem Schauspiel Stuttgart und dem Kunstverein Ulm durchgeführt. Sie wurde gefördert von der Baden-Württemberg-Stiftung im Rahmen des Literatursommers sowie von der Stadt Ulm.

Alle Bilder: Dichter dran e.V.