Über Lesen, Schreiben und Nichtstun
Vortrag von Nina Lenz in Tübingen

Bericht: Nadine Roch, Lisbeth Ahrend

Der schottische Philosoph Robert Louis Stevenson beschrieb bereits 1877 „extreme Emsigkeit“ als „Zeichen für mangelnde Lebenskraft“ und kritisierte dabei die „paar lebendig-tote[n], abgediente[n] Leute, die sich kaum ihres Lebens bewusst sind, außer in der Ausübung einer konventionellen Beschäftigung.“ 

Nina Lenz knüpfte in ihrem Vortrag am 23. Juni in der Volkshochschule Tübingen daran an. Sie führte aus, dass stupide Dauerbeschäftigung schöpferisches Denken schädige. Formen von Nichtstun in einer kapitalistischen Gesellschaft können nicht toleriert werden, solange sie keine Leistung erbringen. 

Unter dem Titel „Lesen, Schreiben und Nichtstun“ erprobte Nina Lenz eine experimentelle Annäherung an die Frage, wie Lesen und Schreiben heute neu gedacht werden können, jenseits von digitaler Gegenwart, permanenter Erreichbarkeit und gesellschaftlichem Leistungsdruck.   

Nina Lenz studierte in Tübingen Germanistik und Literaturtheorie. Sie lebt und arbeitet in Tübingen, schreibt Lyrik und Prosa und organisiert Lesungen sowie Schreibworkshops. Ihre Werke erschienen unter anderem in den Zeitschriften Sinn und Form, Literarische Blätter, Open Sewers und manuskripte. 

Bereits zu Beginn machte Lenz deutlich, dass es ihr nicht um eine Anleitung zum „richtigen“ Lesen oder Schreiben gehe. Vielmehr plädierte sie dafür, individuelle Zugänge zu erkunden und den eigenen assoziativen Gedanken freien Lauf zu lassen. Es gebe kein genormtes Lesen oder Schreiben. Jeder Mensch entwickle eigene Herangehensweisen, die ebenso wertvoll seien wie festgelegte Methoden. 

In ihrem Vortrag bezog sich Lenz auf das Buch „Nichts tun: Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen“ der amerikanischen Autorin Jenny Odell. Auf Grundlage dessen argumentierte sie gegen die vor allem unter jungen Menschen bekannte “FOMO” (Fear of Missing Out). Diese stehe für die ständige Emsigkeit, die Menschen daran hindere, ihr Leben bewusst zu gestalten. Dem setzte sie den Appell entgegen, das Verpassen wieder zu lernen. 

[Dieses Buch] ist eine praktische Anleitung zum Nichtstun als Akt des politischen Widerstands gegen die Aufmerksamkeitsökonomie.
Jenny Odell, "Nichts tun"

Die Autorin führte aus, dass unsere Aufmerksamkeit heute unsere wertvollste Ressource sei, diese allerdings dauerhaft überspannt werde. Wir befänden uns ständig in einem nervösen Gefühl der Überreizung und würden unseren Wert immer häufiger an unserer Produktivität messen. 

Zur Veranschaulichung schilderte sie Beobachtungen aus ihrem Umfeld. Immer wieder höre sie Sätze wie „Land unter“ oder „Es ist gerade alles zu viel“. Diese Formulierungen seien mittlerweile alltäglich geworden und spiegelten das weit verbreitete Gefühl ständiger Überforderung wider. Gleichzeitig betonte Lenz, dass ihr Vortrag kein moralischer Appell sei. Vielmehr wolle sie die Schwierigkeiten sichtbar machen, sich den gesellschaftlichen Erwartungen und dem permanenten Leistungsdruck zu entziehen. 

Nichtstun wird in einer kapitalistischen Gesellschaft, die auf permanente Leistungserbringung ausgerichtet ist, zu einer der schwersten Aufgaben überhaupt. 

Das Wesentliche am Nichtstun, so wie ich es definiere, ist nicht etwa, erfrischt und bereit zu gesteigerter Produktivität an die Arbeit zurückzukehren, sondern vielmehr zu hinterfragen, was wir derzeit als produktiv wahrnehmen.
Jenny Odell, "Nichts tun"

Hier spannte die Autorin den Bogen zur Neuausrichtung von Lesen und Schreiben. Etwas zu kreieren, so Lenz, widerspreche den meisten Logiken des Konsums. Lesen und Schreiben sollten deshalb weniger als fertiges Produkt verstanden werden, sondern vielmehr als offener Prozess des Denkens und Entdeckens. Jeder neue Text entstehe aus den zuvor gelesenen Texten und der Kultur, in der er geschrieben werde. Lesen und Schreiben könnten deshalb nicht unabhängig voneinander existieren. 

„Wann haben Sie denn das letzte Mal jemanden beim Warten zugesehen? Oder gegessen, ohne nebenher das Handy zu bedienen?“ 

Mit diesen Fragen machte Lenz deutlich, dass Momente des Wartens oder bewussten Nichtstuns heute kaum noch existieren. Fast jede freie Minute werde mit digitalen Medien oder neuen Informationen gefüllt. Dadurch gingen Räume verloren, in denen Gedanken entstehen und sich frei entwickeln könnten. 

Genau das wirkt sich auch auf unser Lesen und Schreiben aus. Denn diese verstehen wir schon lange nicht mehr als Prozess, der Raum für Verbesserung enthalten darf, sondern als Endprodukt, das möglichst perfekt sein muss. Es ist dieser Perfektionismus, der uns oft davon abhält, überhaupt zu beginnen. Und dann schieben wir es auf unsere „Prokrastination“. 

Wir wissen, dass wir in komplexen Zeiten leben, die komplexe Gedanken und Gespräche erfordern - und diese wiederum benötigen genau die Zeit und den Raum, die man nicht hat.
Jenny Odell, "Nichts tun"

Lenz machte deutlich, dass Schreiben häufig unbequem sei und Zeit brauche. Gleichzeitig ermögliche es, Gedanken weiterzuentwickeln und eine eigene Stimme zu finden. Schreiben verstand sie als eine Art geistige Muskulatur, die nur durch Übung wachsen könne. Auch beim Lesen müsse nicht jeder Text vollständig oder auf dieselbe Weise gelesen werden. Man dürfe Passagen überfliegen oder sich länger mit einzelnen Stellen beschäftigen, entscheidend sei die persönliche Auseinandersetzung mit dem Gelesenen. 

Zum Abschluss griff Nina Lenz zwei Fragen ihrer an Demenz erkrankten Großmutter auf: „Was muss ich machen?“ und „Wo muss ich hin?“. Diese Fragen deutete sie einerseits als Ausdruck unseres alltäglichen Zwangs zur Produktivität, andererseits aber auch als Möglichkeit, gesellschaftliche Erwartungen grundsätzlich zu hinterfragen. Mit ihrem Schlusssatz „Wohin müssen wir sterben und wohin müssen wir leben?“ regte sie das Publikum dazu an, über den eigenen Umgang mit Zeit, Leistung und dem Leben nachzudenken.  

Im Anschluss entwickelte sich eine angeregte Diskussion mit den Zuhörerinnen und Zuhörern. 

Alle zwei Jahre richtet die Baden-Württemberg Stiftung den Literatursommer Baden-Württemberg aus. Mit einem vielfältigen Veranstaltungsangebot würdigt sie die große literarische Tradition des Landes. Dieses Jahr steht die Veranstaltungsreihe unter dem Motto „Mit Zuversicht und Mut – literarische Visionen für morgen.“ Ziel ist es, Bürgerinnen und Bürgern die Literatur in all ihren Facetten näherzubringen, die Leselust zu wecken und sich mit einem der wichtigsten Kulturgüter, dem Buch, auseinanderzusetzen.